Die Blockchain in der Hosentasche? Das Telefon hinter dem Sirin ICO, der 157 Millionen USD erbrachte

Braucht die Welt wirklich ein Blockchain-Telefon?

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Sirin Labs glaubt, dass das der Fall ist. Das Start-up-Unternehmen, das kürzlich 157 Millionen USD über einen ICO einnahm, baut ein ganz neues Android-Smartphone mit speziellen Funktionen für alle Freunde von Kryptowährungen. Zu diesen Funktionen gehören ein App-Store für Distributed Apps (sogenannte „DApps“), eine Möglichkeit zum „Cold-Storage“ für private Schlüssel und eine einfache Tauschmöglichkeit für Tokens.

Die in der Schweiz ansässige Firma Sirin erklärt, dass ihr Produkt den Bedarf eines schnell wachsenden Marktes befriedigen wird. Gefragt sei ein sicheres Gerät, das die Nutzung von Kryptowährungen über mehrere Applikationen hinweg vereinfacht. Trotzdem gilt die alte Technikweisheit: „Hardware ist hart“ – und in Sachen Blockchain ist das Geschäft vielleicht noch härter. Das kann der Fall sein, weil Geräte in diesem Bereich nicht nur die Informationen, sondern auch unwiederbringliches Geld schützen müssen.

Im Hinblick auf die Zielgruppe hat Sirin sein Smartphone „Finney“ getauft, also als eine Anspielung auf den Namen des Computerwissenschaftlers und Bitcoin-Pioniers Hal Finney.

Der CEO von Sirin Labs, Moshe Hogeg, äußerte sich wie folgt:

„Es gibt mehr als 10 Millionen Personen, die auf die eine oder andere Weise mit Krypto zu tun haben. Ich glaube, dass sich die Community bis zum Ende dieses Jahres mindestens verdoppeln wird“.

Es wird vermutet, dass das Smartphone zu einem Verkaufspreis von etwas unter 1000 USD angeboten werden wird. Damit befindet es sich im High-End-Segment, ähnlich wie das iPhone von Apple. Hinzu kommt, dass es nur über Sirion Krypto-Tokens erworben werden kann (die auf dem Standard ERC-20 basieren). Die Firma hat bereits 40 Prozent der insgesamt 573 Millionen Tokens verkauft, die anlässlich des kürzlich durchgeführten ICOs erzeugt wurden.

Als Android-Telefon wird das Gerät alle üblichen Anwendungen bieten, unter anderem den kompletten Google Play Store. Dazu erklärte Hogeg: „Es geht um die Benutzererfahrung. Wenn man da kein Facebook hat, kann man es vergessen“.

Was Finney aber wirklich abhebt, ist die Tatsache, dass die Sirin Coins auch auf dem Gerät gespeichert werden. So soll die Bezahlung im Rahmen einer großen Bandbreite an DApps ermöglicht werden.

Krypto-App-Store

Der dezentralisierte App-Store auf dem Finney-Smartphone wird den Nutzern den Zugang zu vielen DApps eröffnen. Damit haben sie Zugriff auf die Ergebnisse einer ganzen Reihe von Blockchain-Projekten, die Tokens über ICOs herausgegeben haben.

Diese DApps könnten auch auf der Blockchain basierende Alternativen zu den Angeboten beliebter Technikfirmen sein, zum Beispiel Uber. Hogeg ist der Meinung, dass es für Konsumenten besser sei, direkt mit den Anbietern verbunden zu sein, was auch der Grundidee der Branche entspreche.

Damit wäre Finney eine „Alles-aus-einer-Hand“-Lösung für Kryptobegeisterte, die damit DApps nutzen und Produkte sowie Dienstleistungen über Kryptowährung bezahlen könnten. Zusätzlich besteht eine Partnerschaft mit Bancor, dem dezentralisierten Liquiditätsmarkt, der im letzten Juni 150 Millionen USD mit einem ICO erzielte. Dank dieser Zusammenarbeit wird es die Sirin-Software möglich machen, die Sirin-Tokens in die jeweils für die Transaktion benötigte Kryptowährung umzutauschen.

„Der Nutzer soll sich nicht um die Technik kümmern müssen. Er muss nicht verstehen, wie alles genau funktioniert. Vielmehr soll für ihn nur der Mehrwert im Vordergrund stehen, den ihm die Technik bietet“, erkläre Hogeg. Daher, „sollte die Benutzererfahrung möglichst einfach sein“.

Einfachheit werde eine Voraussetzung für token-basierte Plattformen sein, um angenommen zu werden, fügte er weiter hinzu.

„Wenn wir erreichen wollen, dass diese Technologien zum Mainstream werden, müssen wir das Problem der Tokenvielfalt in Angriff nehmen“, sagte Hogeg. „Unsere Software ermöglicht es dem Benutzer, innerhalb des Smartphones nahtlos zwischen den Tokens zu wechseln“.

Sirin hat aber auch Konkurrenten im Bereich der dezentralisierten App-Stores. So arbeitet auch der Coinbase CEO Brian Armstrong an einem „Toshi“ genannten Browser für DApps.

In einem kürzlich auf Medium veröffentlichten Beitrag sprach Armstrong ähnlich über den Bedarf für eine einheitliche Plattform, die es Konsumenten ermöglicht, DApps zu verwalten. Der Vorteil der Coinbase-Lösung wäre dabei, dass dafür keine spezielle Hardware erforderlich ist. Trotzdem glaubt Hogeg, dass zum Zeitpunkt der Fertigstellung der dezentralisierten Marktplätze die Early Adopters ein eigenständiges Gerät haben wollen werden, um die von ihnen genutzte Kryptowährung aufzubewahren.

Dazu ist es bekanntlich schwer, Entwickler davon zu überzeugen, von den zwei derzeit beherrschenden Marktplätzen (dem Apple-Store und dem Google Play Store) zu einer neuen Plattform zu wechseln. Dennoch glaubt Hogeg eine Methode zu haben, sie dazu zu bewegen.

„Wir haben genügend Geld gesammelt, um Anreize für eine ganze Community von Entwicklern zu schaffen“, erklärte er.

Schwerpunkt: Sicherheit

Obwohl Hogeg bereits einen Plan hat, die Entwickler zu überzeugen, könnte es sich als schwieriger herausstellen, die Konsumenten zum Kauf des teuren Gerätes zu bewegen.

Für Kryptonutzer würden jedoch die Sicherheitsmöglichkeiten des Telefons ein echter Anreiz sein, meinte Hogeg. So überwacht das Finney-Smartphone nicht nur das Nutzerverhalten, um unbefugte Zugriffe aufzuspüren, sondern bietet auch vielfältige biometrische Identifikationsmöglichkeiten. Darüber hinaus besitzt es, so Sirin, einen in das Betriebssystem integrierten Cybersecurity-Schutz, der bis auf die Applikationsebene wirkt.

Alle diese Merkmale, so gab Hogeg zu, findet man in der einen oder anderen Form auch auf anderen Geräten – mit einer Ausnahme, die das Telefon abhebt: dem „Cold Storage“.

Das Finney-Smartphone ermöglicht es seinen Nutzern, Ihre privaten Kryptowährungsschlüssel vom Rest des Gerätes und dem Internet zu trennen, erklärte Sirin. Das bietet zusätzlichen Schutz, denn Hacker müssten sich so, um Zugriff auf die Schlüssel zu erhalten, physisch zum Speicher des Telefons begeben.

„Ich denke, dass uns das abheben wird. Ich halte das für einzigartig – und es wird wachsen.“

Peter Todd, ein bekannter Kryptografieberater und Bitcoin-Entwickler ist dagegen skeptisch im Hinblick der Nutzung von Cold Storage in diesem Zusammenhang. Er sagte: „Wie soll das Schutz bieten? Um überhaupt irgendetwas damit machen zu können, müssen man auf die interne Elektronik zugreifen – und zu diesem Zeitpunkt kann ein Angriff erfolgen“.

Ungeachtet dessen erklärte ein Sprecher von Sirin, dass Cold Storage in jedem Fall das Risiko verringere und dass genau aus diesem Grund Nutzer Krypto-Wallets wie Trezor oder Ledger verwendeten. Weiter sagte er: „Wir erledigen das ganze ‚Signatur-Vorspiel’ vor der eigentlichen Signatur“ – so werde die Verbindung so kurz wie möglich gehalten. „Es gehört zu den anerkannten Cybersicherheitsmethoden, die Angriffsfläche und die Expositionszeit so weit wie möglich zu verkürzen“, schrieb er.

Sogar Hogeg selbst erkennt an, dass Sicherheit allein keine Hardware verkauft. Daher gestaltet Sirin das Gerät so, dass es kooperieren und Ressourcen teilen kann. Das kann zum Beispiel genutzt werden, um unbekannte Personen Mikrozahlungen vornehmen zu lassen, um damit zeitweise Rechenleistung oder Bandbreite zu nutzen.

Das Tangle

Doch das bringt ein neues Problem mit sich.

In dem Sirin-Whitepaper stützen sich diese Services im Wesentlichen auf das „Tangle“, eine Technologie, der der Weg vom Distributed-Ledger-Start-up IOTA bereitet wurde.

Tangle wurde als eine maßgeschneiderte Lösung für das Internet-der-Dinge angekündigt. So müssen Geräte für IOTA, um an der Chain teilhaben zu können, keine Gebühr an Miner zahlen (wie im Falle von Bitcoin), sondern vielmehr einige Proof-of-Work-Berechnungen durchführen.

„So können wir Gebührenfreiheit anbieten“, zeigte Hogeg auf.

Trotzdem werden IOTA und seine Technologie kontrovers diskutiert, seit im Jahre 2016 der Handel mit seiner Kryptowährung begann. Zum Beispiel verneinte das MIT Media Lab in einem MIT Technology Review, Behauptungen, wonach IOTA sicher sei.

Mehr noch: Die Initiative für Digitalwährung des Labors fand im September eine schwere Sicherheitslücke von IOTA. Die IOTA-Stiftung erkannte die Arbeit der Forscher an, argumentierte aber, sie zeige nicht eine realistische Angriffsmöglichkeit. Zudem sei immer geplant gewesen, das abschließende kryptografische Modell, sobald es fertig sei, zur wissenschaftlichen Überprüfung freizugeben, um seine Sicherheit zu gewährleisten.

Val A. Red, ein Sicherheitsforscher mit Erfahrung in IoT-Systemen, stellte fest, dass jede auf der Blockchain basierende Anwendung Probleme verursacht:

„Ich betrachte das Ganze einmal außerhalb des Bereichs der Kryptowährungen aus der Perspektive eines Netzwerk-Administrators mit sicheren Telefonen oder BYOD („Bring your own device“). Wenn ich dann an die Interfunktion mit IOTA oder einer anderen derzeit entwickelten Ledger-Technologie denke, kommen mir ernsthafte Bedenken“.

Hogeg stritt nicht ab, dass es derzeit Zweifel am Protokoll gibt. Er erklärte jedoch: „Vielleicht wechseln wir zukünftig zu einem anderen gebührenfreien Netzwerk. Eine ganze Reihe von Leuten reden darüber. Vermutlich wird das IOTA sein“.

Weiter erklärte er: „Wir werden nicht ankündigen, dass es zu 100 % IOTA sein wird, bevor wir nicht 100 %-ig zufrieden sind“.

Ergänzend teilte Hogeg dazu mit, dass IOTA kein Investor von Sirin ist.

Die nächsten Schritte für Finney

Auch wenn die Blockchain-Architektur des Finney-Projektes nach wie vor offen ist, ist Hogeg zuversichtlich, dass das Smartphone bis zum Ende dieses Jahres auf den Markt kommt.

Prototypen des Gerätes sollen ebenfalls bald in den Einzelhandelsgeschäften verfügbar sein. Diese will die Firma in Städten auf der ganzen Welt eröffnen und dort sollen Interessenten Vorbestellungen für Telefone aufgeben und mit den Angestellten über die Struktur sprechen können.

Das mag teuer klingen, aber man muss bedenken, dass Sirin 157 Millionen USD mit seinem Tokenverkauf erzielt hat, also dreimal soviel, wie anfänglich für die Entwicklung des Smartphones veranschlagt wurde.

Ebenfalls in der Entwicklung befindlich ist ein Finney-PC, basierend auf dem Betriebssystem Android.

Selbst wenn das überambitioniert erscheint, ist es doch bedenkenswert, dass Hogeg es versteht, seine Projekte in aller Munde zu halten. In 2014 schuf er die Spaß-App Yo, einen Nachrichtendienst, der es den Nutzern zu Anfang nur ermöglichte, das einzelne Wort „yo“ (amerikanischer Ausdruck für „Hey!“) hin- und herzusenden.

Etwa zur selben Zeit gelang es ihm, Leonardo DiCaprio, Lance Armstrong und Serena Williams als Unterstützer seines kurzlebigen Videoservices „Mobli“ zu gewinnen.

Bei Sirin hatte er auch schon etwas Erfolg in der Herstellung von Mobilgeräten und schuf ein Android-Smartphone, genannt „Solarin“, dessen Schwerpunkt auf den Schutz der Privatsphäre legt. Allerdings hatte das Gerät einen Verkaufspreis von 13.800 USD.

Zudem sind seine Projekte nicht reibungslos verlaufen. Ungeachtet eines gewissen Erfolges, wurde Mobli 2016 abgeschaltet. Anfang 2017 entließ Sirin dann 30 Prozent seiner Belegschaft, nachdem die Verkäufe des Smartphones Solarin das Geschäftsmodell nicht tragen konnten (die Telefone werden trotzdem noch angeboten).

Nach Angaben von Hogeg ist die Software für Finney so gestaltet, dass auch andere Android-Telefonhersteller sie für Ihre Geräte verwenden können. Das grenzt das Risiko ein, eine Hardware von Grund auf zu entwickeln.

Abschließend betonte Hogeg die Unsicherheit der Branche und gab zugleich seiner optimistischen Haltung für die Zukunft Ausdruck, indem er sagte:

„Es kann sein, dass wir ein sehr großer Telefonhersteller werden. Es kann sein. Auch möglich ist, dass andere Hersteller unsere Software nutzen… und wir geben ihnen die Ergebnisse unserer ganzen Arbeit umsonst, solange sie unseren Token als Motor für alles verwenden“.

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